TANZ AUS NRW IN NRW UND DARÜBER HINAUS SICHTBAR MACHEN





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TANZweb.org


Recherche, Arbeitsprozesse und Auseinandersetzungen im und mit dem TANZ und vor Allem die daraus entstehenden Werke und die damit verbundenen Künstlerpersönlichkeiten sichtbar und erlebbar zu machen, ist eines der zentralen Themen von SEEDance, der Trägergesellschaft von TANZweb.org.


Das Schreiben von TANZ und die Interpretation dieser "Texte" und deren Autoren durch die Tanzkünstler (aber auch die Rezeption dessen in Wort und Bild) liefern Gesellschaften und Individuen gleichermaßen authentische Ansätze für Gestaltungs- und Überlebensstrategien des Einzelnen in einer zeitgenössischen Wirklichkeit und der Fiktion und Vorbereitung einer nahen Zukunft.


Die Kunstform TANZ konzentriert sich weitgehend auf die letzte Bastion des Individuums zur Bestimmung seiner Identität in einer globalen und weitgehend virtuellen Welt: den eigenen Körper und dessen unverwechselbare Abgrenzung, Dynamik und Bewegung in Raum und Zeit.


Aufbauend auf die Erfahrungen und Erfolge von tanZwebkoeln.de soll beginnend in 2014 mit der konsequenten Ausweitung zunächst auf die südliche Rheinschiene, sukzessive das proklamierte Tanzland NRW in seinen einzelnen Hochburgen, Zentren und Ballungsgebieten erfasst und begleitet werden.


Das NRW KULTURsekretariat (Wuppertal) | Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen fördert die Sichtbarmachung von Tanzstädten und -regionen in NRW in Kooperation mit TANZweb.org


Als Ziel haben wir uns als Unternehmen TANZweb.org, gemeinsam mit privaten Mäzenen und Förderern, vorgenommen, das "TANZwebNRW.de" (und darüber hinaus) in naher Zukunft in ein europäisches Netzwerk einzubinden.

 

NRW

UNTERSCHEIDEN - ÜBERTREIBEN


Das Ballet of Difference von Richard Siegal gab seinen Einstand in Köln, wo es ab jetzt einen seiner spitzenbeschuhten Spielbeine platziert: mit dem Dreierabend „My Generation“


von Melanie Suchy





Das Standbein bleibt vorerst in München, wo der Choreograph seit 2016 die Optionsförderung in Höhe von dreimal jährlich 90.000 Euro erhält und mit der Spielstätte Muffathalle kooperiert. In Köln dockt er nun an die Städtischen Bühnen, ans Schauspiel an, dessen Intendant Stefan Bachmann das Ballet of Difference, kurz BOD, mit ungefähr 300.000 Euro und Werkstätten- und Proberaumnutzung willkommen  heißt. Diese vorerst dreijährige Zusammenarbeit stützen auch das  Land NRW mit 130.000 und die Kulturstiftung des Bundes mit 170.000 Euro. Der Etat für die internationale Tanzgastspielreihe an den Kölner Bühnen werde dafür  nicht angetastet, betont deren Kuratorin Hannah Koller. Weitere Geldgeber fürs BOD werden noch gesucht. Bislang können die zehn bis zwölf Tänzerinnen und Tänzer nur projektweise zusammenkommen. Sie stammen zumeist aus Ensembles, für die Siegal schon choreographiert hatte, darunter der entschwundenen amerikanischen Cedar Lake Contemporary Dance Company, dem Hessischen und dem Bayerischen Staatsballett.


Inwiefern das BOD tatsächlich an den Bühnen präsent sein wird, muss sich noch erweisen. Ebenso ob es und seine Kunst dem Publikum der Stadt etwas zu sagen hat. Denn was genau soll der Clou gerade dieser Company hier sein? Siegal entstammt, wie bei seinen Gruppenchoreographien leicht zu erkennen ist, der kreativen Frankfurter William-Forsythe-Ballettkiste der 1990er-Jahre, wie seine Kölner Vorgängerin Amanda Miller. Man kennt ihn als großartigen Tänzer, nicht zuletzt im Duett „Logobi 5“ von Gintersdorfer/Klaßen, als interessanten Experimentator in kleineren Performanceformaten und Regisseur von Amateurgruppeninszenierungen, doch bei größeren Profi-Ensemblestücken der letzten Jahre überwog das schnittige Show-Element, eine schicke, kühle Oberfläche über wummerndem Elektrobeat, der mittels Einwortbegriffen wie „Signal“, im Soundtrack oder auf LED-Panels, irgendeine Bedeutungshaftigkeit angepappt wurde. Die Tänzer wenig unterscheidbar als Ausführende der scharf geschnitzten Choreographiepfeile, die als Sekunden(in)formationen über die Bühne schießen, zischen. Das Dortmunder Ballett nahm Anfang 2017 so ein Werk ins Repertoire, „Unitxt“, und bei der Ruhrtriennale waren 2015 und 2016 solche Kreationen zu sehen, aber auch ein Stück, das sich mit Narrativ und Rollentanzen versuchte und auf sandiger Bühne künstlerisch ausrutschte.


©Ray Demski



Uni und Multi


In München, einer seiner Arbeitsbasen seit 2006, wurde Richard Siegal von Expertinnen als Nachfolger für die Leitung des Staatsballetts herbeigehofft. Nun macht er sein eigenes Ding, kleiner, mobiler, fragiler, angewiesen auf Koproduzenten und Gastspieleinladungen. Womit er in Konkurrenz tritt etwa zur Dresden Frankfurt Dance Company des anderen Ex-Forsythe-Tänzers Jacopo Godani und zum Stuttgarter Darling Eric Gauthier. Und man kann nicht sagen, dass in den Stadttheatern in NRW ausgerechnet eine Ballettkompanie fehle oder dass die vorhandenen nur in Tüll und dekorativer Jenseitigkeit baden, so dass dringend der „Unterschied“, „difference“ nötig  wäre. In Köln selber ist solch ein Ballett different, ja, vor  allem solche Tänzerinnen und Tänzer und ihre Power wären willkommene Neuzugänge. Doch den kulturinteressierten Kölnern sollte man keine verschwiemelte Choreographie über einen transidenten Menschen vorsetzen, nachdem Angie Hiesl das Thema mit ihrer denkwürdigen „ID Clash“-Performance beackert hatte. 


Future work


Diese Choreographie war eine von dreien, die beim ersten, nur eintägigen Auftritt von Siegals Ballet of Difference im ausverkauften Depot 1 zu sehen waren, nachdem er sein BOD mit dem Triple Bill im Mai in München zur Welt gebracht hatte: „Excerpts of future work on the subjects of Chelsea Manning“. Zu einem mit Kopfstimme gejammerten Gesang begegnen sich ein Mann und eine Frau, langsam, fast kraftlos fassen sie nach einander. Sie knien, stehen, strecken die Hände aus. Die hellen Gewänder erinnern halbwegs an Tuniken und damit an Isadora Duncan und ihre Anbetung griechischer Götterstatuen. Auch deshalb unterstellt man den Tänzern edles Posieren und glaubt ihnen die Gefühle nicht. Ebensowenig dem Schwarzgekleideten, der den Bösen mimt mit geballten Fäusten und die beiden mal trennt, mal aneinander drückt. Andere schwarze Gestalten huschen umher, das Unheil, die Depressionen. Furchtbar.


Bei den zwei anderen Stücken, in denen es ums Gutaussehen geht, kommen immerhin die Tänzer gut zur Geltung, weil man ihnen ins Gesicht schauen kann. Die Hautfarben, Körperlängen, Frisuren sind unterschiedlich. Das ist normal in einer Tanzkompanie. An die in Köln schon lange von Gerda König und DINA13 repräsentierte Differenz und Diversität im Sinne von mixed-ability kommt das BOD nicht heran. Das Stück namens „BOD“ zum einfallsreichen Soundgemenge von DJ Haram, das klöppelt, tickt, klingelt, rattert und rumst, besteht daraus, dass zehn Tänzer in lustigen Outfits durch das Stück eilen, das die Eile im Vergehen von bemerkenswerten Momentchen möglicherweise zum Thema hat. Hier verfugen sich plötzlich zwei im Unisono, dort zwei andre, überall mal kreiseln lockere Pirouetten; Armhaltungen, wie die Mistgabel aus oben gewinkelten Armen und Kopf, wandern durch das Stück. Die an diverse Körperteile geschnallten aufblasbaren Flügel, Schulter- und Schenkelpolster, Westchen, designt von Becca McCharen, sind Zusätze, aber nie Hindernis. Deshalb wirken sie wie hübsche Effekte, zu leicht, zu egal im Vergleich mit Oskar Schlemmers sperrigem „Triadischem Ballett“ oder Merce Cunninghams „Scenario“-Beulen.


©Ray Demski


Gute Laune


Diese vielleicht für die heutige Zeit typische Aufgeblasenheit oder Unbeschwertheit, die im Grunde zwanghaft präsentiert wird als superfit, allzeitflexibel und bindungsunwillig, spielt Richard Siegal im elfköpfigen „POP HD“ noch expliziter durch. Die kreischbunten Kostümmuster von Bernhard Willhelm zitieren Markenlogos; die Tänzer tragen sie dennoch oder umsomehr mit Eigensinn. Aufgeknickte Hände an gestreckten Armen, vorgeschobene Hüften, auf über 180 Grad aufgebogene Beine der Frauen, schüttelnde Hände, wackelnde Pos, vertrackte, ansehnliche Zweierfiguren mit Ziehen und Heben, Griffe durch Beine von hinten sind im Ballett keine Neulinge, aber Siegal mengt auch noch Püppchenposen, Schlingern mit eiernden Knien, Breakdanceschlängelarme, afrikanisches Brustkorbrütteln und entspanntes einfachstes Tänzelfußtappen, rechts-links, hinzu. Am Ende ein Pärchen im Lichtspot, das sich ganz nahe ist, endlich allein, ohne Getümmel, aber der wirklichen Nähe scheinen beide auszuweichen. Großer Applaus für diesen Knüller, der vielleicht die Signatur fürs BOD wird.




Der nächste Auftritt des BOD in Köln ist im Februar 2018; in den Herbstferien 2017 gibt es einen Workshop für tanzfreudige Amateure. Auch in die Kooperation mit dem ZZT der Hochschule für Musik und Tanz klinkt sich die Company ein.


 

VOLL HUMOR UND POESIE


Ein bildgewaltiges Tanzereignis - TEN CHI im Wuppertaler Opernhaus soeben zu Ende gegangen


ZU DEN VIDEOIMPRESSIONEN


2004 ist das Stück entstanden und nach 2012, als diese Kreation von Pina Bausch letztmals in London zu sehen war, tanzte nun, bis auf wenige Ausnahmen, die Originalbesetzung dieses humorvolle und ungewöhnlich leichte Werk der genialen Tanzschöpferin in der Heimatstadt des Wuppertaler Tanztheaters vor begeisterter und längst ausverkaufter Kulisse.


©TANZweb.org_Klaus Dilger_Kenji Takagi und Dominique Mercy


©TANZweb.org_Klaus Dilger_Julie Shanahan, Pascal Merighi und Thusnelda Mercy


Melanie Suchy war für uns dabei:


Luft anhalten


Die bejubelte Wiederaufnahme von „Ten  Chi“ des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch


Weiß auf Schwarz, sie fallen und fallen und fallen. Schneeflocken, Himmelsblüten. Herab, herab, während die dunkle Walschwanzflosse aus dem Boden nach oben ragt. Wie inmitten einer Bewegung erstarrt, mit einem leichten Schwung in der waagerecht fliegenden Doppelflosse, so dass dies auch Stamm und Krone eines stilisierten Baumes sein könnte. „Ten Chi“ ist das Japan-Stück von Pina Bausch, das 2004 im Schauspielhaus Wuppertal Premiere hatte. Mit diesem Bühnenbild von Peter Pabst, das Luft und Wasser kombiniert, Schwere und Leichtigkeit, verführt es das Auge fast zu sehr. Gemeinsam mit einem Walrückenhügelchen weiter hinten auf der Bühne, bildet der imposante Körperteil im zunächst mondkühlen Licht eine offene Landschaft mit vorn und hinten, Nähe und Ferne, in der die Tänzer manchmal wie beschirmt oder gerahmt von einem riesigen kalligraphierten Zeichen wirken. Das sie übrigens auch nie berühren. Wie schön. Und welcher Zuschauer hebt nicht ab und an die Augen über das bodennahe Geschehen hinaus und versenkt sich in das friedliche Flockenblütengestöber, das mal dichter, mal loser ist, aus unendlich vielen Bewegungen besteht, einem Flirren, Taumeln, Schweben, Sinken, Stürzen, man verliert so angenehm den Halt, lässt das Denken los. Leere.


©TANZweb.org_Klaus Dilger_Jorge Puerta Armenta und Regina Advento


Vielleicht ist das eines der Japan-Themen, die als  Mitbringsel der mehrwöchigen Recherchereise mit dem Ensemble in das Stück gefüttert wurden. Es ist zwar ein Klischee, doch immerhin ein künstlerisch interessantes. Auch der Wal ist ja eines, als schwimmende Delikatesse; so dass diese Flosse das Denkmal einer bedrohten Art sein könnte. Oder ein Wegweiser zum Tod. Die Katastrophe von Fukushima passierte später. „Ten Chi“ weiß nichts davon, das kann man dem Stück nicht vorwerfen. Aber manche der gespielten kurzen Szenen, die sich auf angeblich Typisches oder in Japan Erlebtes beziehen, wirken noch alberner mit ihrem gespielt naiven Ton als früher. Doch es gibt auch großartige Szenen. Einige der Tanzsolos gehören dazu. Überhaupt besteht das ganze Stück aus auffällig vielen Solos, dazu ein paar Zweiermomente; aber im Grunde flocken hier die Menschen wie die fallenden Blüten alleine vor sich hin. Herab.



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Mechthild Grossmann in TEN CHI
Jonathan Fredrickson und Aida Vainieri
 

TEN CHI - EIN BILDGEWALTIGES EREIGNIS

©TANZweb.org_Klaus Dilger_ Julie Anne Stanzak in TEN CHI

...UND DANN SAGTE SIE EINFACH „TSCHÜSS“


MECHTHILD GROßMANN UND HIROHIKO SEJIMA - EIN INTERVIEW


In einem Interview anlässlich Ihres sechzigsten Geburtstages war die Überschrift (in Analogie zur Ikone des deutschen Schauspiels, Peter Zadek und dessen Protagonisten seiner Inszenierungen, Ulrich Wildgruber) zu lesen: "Pina's Wildgruber", was nicht mehr und nicht weniger sagen wollte, als dass das Tanztheater Pina Bausch's ohne sie (Mechthild Großmann) wohl anders ausgesehen hätte.



Anlässlich der Aufführungsserie des in 2004 entstandenen "Japan-Stücks" von Pina Bausch "TEN CHI" im Wuppertaler Opernhaus im Juli 2017 ( entstanden in Kooperation mit der Prefäktur Saitama, der Saitama Arts Foundation und dem Nippon Cultural Center ) und der Sorge, dass diese letzte gemeinsame Arbeit mit Pina (in 2004) für Mechthild Großmann, seit 1976 eine der wichtigsten Ikonen der Arbeit der genialen Tanzschöpferin Pina Bausch und des Wuppertaler Tanztheaters, auch die letzte Produktion gewesen sein könnte, in der sie für das Wuppertaler Tanztheater Pina Bausch aufgetreten ist, baten wir Mechthild Großmann um dieses Interview.


41 Jahre lang war sie in jeder Spielzeit in den Stücken von Pina Bausch zu sehen. Nun, mit 69 Jahren, befindet sie, die eigentlich Schauspielerin gelernt hatte und noch immer mit ausserordentlich grossem Erfolg ist, mit der ihr eigenen Ironie, "sei es langsam an der Zeit, sich aus dem Ballett zurück zu ziehen".


Wir hatten das grosse Glück, für dieses Gespräch einen der renommiertesten Tanzkenner des klassischen und zeitgenössischen Tanzes gewinnen zu können, den japanischen Tanzkritiker Hirohiko Soejima, der die Arbeit von Pina Bausch seit mehr als dreissig Jahren begleitet.


Für TANZwebWUPPERTALde führte er dieses Gespräch auf Deutsch mit Mechthild Großmann (hierfür unser ausserordentlicher Dank!), die sich gewünscht hatte, dieses an dem Ort zu führen, an dem sie Pina Bausch zum ersten Male begegnet war: der Hinterbühne der Wuppertaler Oper.


Während des aufgezeichneten Gesprächs waren die Bühnenarbeiter damit beschäftigt, die Bühne für die nächste Aufführung von TEN CHI herzurichten, weshalb gelegentlich deren Industriestaubsauger sich deutlich hörbar über die Stimmen der Gesprächsführenden legen. Mechthild Großmann fand dies wunderbar, weil es das Bühnenleben widerspiegelt, wie es wirklich ist, also werden wir uns für diese technische Imperfektion auch nicht entschuldigen.

Wir wünschen allen Betrachtern spannende 20 Minuten.





Hirohiko Soejima,
ist einer der renommiertesten Tanzkritiker Japans und lehrt seit 2003 als Professor am "Collaege of Arts" (germanistisches Seminar), der Rikkyo University, Tokyo, Japan.

Ein Auszug aus seinen Publikationen (veröffentlicht auf Japanisch):
Vom Ritus zur Attraktion - Kecak im Tourismus von Bali (Eureka, 29/10, 1997); Comtenporary Dance in Europa, in: Japanese contemporary dance media (Tokyo Photographic Art Museum, Ausstellungskatalog, 2005); Die Resonanz vom Tanztheater (Theatre Arts, 40, 2009), Kultureller Föderalismus und Tanzplan Deutschland: Über die Förderung des Tanzes in Deutschland (2009); Der moderne Tanz in Deutschland, in: Ballett- und Tanzgeschichte (Heibonsha Verlag, 2009); Die Wasserader von Tableau vivant (Aspekt, Sonderheft, 2014).